Kreative Musse – Bildhauerei und Fotografie

 

Ruedi Dietiker, Hölstein

Sommererien zwischen Churfirsten und Schafberg


Libellen lieben herzhaft

Längst sind die Frühlingsblüten und -blumen, die mich Jahr für Jahr faszinieren und irgendwie in Schwung bringen, vorbei. Die Früchte aus diesen Blüten gedeihen sichtbar. Ich denke an meine Lieblingsfrüchte, die Kirschen, die bereits geschmaust sind, oder an die Äpfel, Nüsse und all die Beeren. Und doch, es blüht immer noch rundum, auf den Feldern, im Wald oder im Garten. Wenn ich ein bisschen genauer hinschaue, sehe ich auch im Sommer immer neue, immer mehr Pflanzen, die blühen: ein werden, ein wachsen und reifen über Wochen und Monate.

Irgendwann, ich merke es jeweils erst danach, kommt der Moment, da sehe ich nicht mehr wirklich hin, sehe nur noch eine unüberschaubare Fülle, das Individuelle verschwindet in der Masse. Es ist ein bisschen, - so jedenfalls stelle ich es mir vor -, wie wenn ich täglich aufs weite Meer hinausschauen würde: Wasser so weit das Auge reicht. Die Bewegungen des Wassers, die kräuselnde Oberfläche, Gischt und Wellen, die sich türmen und in sich zusammenfallen, lösen sich auf in der kaum überschaubaren Weite der Wasseroberfläche.

Wie angetönt, ein bisschen so ging es mir heuer mit dem Blütenmeer. Doch heuer schaute ich öfter und länger nach der unbeschreiblich vielfältigen und reizvollen Blütenpracht. Ob bei diesem gemächlicheren Wahrnehmen eventuell das Coronavirus die Hand im Spiel hatte?

Und schon bald einmal entdeckte ich etwas Zusätzliches, etwas Altbekanntes: Blüten sollen nicht blütenrein sein. Bei den Blüten ist ein Kommen und Gehen, respektive ein Anfliegen und Abschwirren, - ein offenes Haus mit allerlei Gästen. Blüten haben fast immer Gäste. Nun veränderte ich den Fokus etwas, Bienen und Hummeln – mit und ohne Höschen - und was da so alles vorbeischaute, weckten meine Lust zu knipsen. Zugegeben, es blieb beim Knipsen, habe ich es doch bis heute noch nicht befriedigend geschafft, die Verschlusszeit mit der Frequenz der Flügelschläge in Einklang zu bringen.  

Zufall oder nicht, eines Tages las ich auf unserem Kalenderblatt: «Das eine Auge des Fotografen schaut weit geöffnet durch den Sucher, das andere, das geschlossene, blickt in die Seele, (Henri Cartier-Bresson)». Ja, ja, aber was ist die Seele? Liefert dieses Wort etwa den Bedeutungsumfang für etwas, das ich nicht konkret sehen oder erklären kann? Ich kann mir da für einmal kein Bild machen.

Ich halte mich wohl besser an die einfacheren Dinge, und mache mich wieder mit meinem Fotorucksack auf den Weg, Blüten und Blütenbesucher im Blickfeld, und Willens, weiter zu üben mit Verschlusszeit, Tiefenschärfe, etc.

Zwischendurch halte ich mich gern an jene Gäste, die nicht gleich wegsausen, beispielsweise an die Heuschrecken, die ebenfalls gern beim Mohn auftauchen, oder an die Krabbenspinne, die sich der Umgebung farblich anpassen kann, und an den Blüten ohne Netz erfolgreich auf ihre Beute wartet. Dann, ich muss es eingestehen, gibt es aber Insekten und Käfer: fast unbeschreiblich. Wie sie nur alle heissen? So bestaunte ich das feine Insekt auf der Heckenrose einfach mal so, ebenso das Wesen mit den auffallend langen Fühlern. Bei der gelben Blüte meinte ich ein Insekt mit der schlichten Blütenpracht aufzunehmen, bei der Bildbetrachtung zeigten sich dann gut gern etwa ein Dutzend Gäste! Manchmal müsste ich eben mindestens zweimal schauen. Und warum sieht die Spinne am Blatt des Frauenschuhs ein bisschen aus wie die Pflanze selber? Bei den Widderchen namens «Blutströpfchen» erscheint die Sache schon fast logisch. Auch Bockkäfer kamen zum Fotoshooting; apropos Bockkäfer und Name: Das muss wohl an den Hörnern liegen. Interessant auch die Konkurrenz am Honigtopf, beispielsweise zwischen Schachbrettfalter und Bockkäfer, oder Hummel und Pinselkäfer beim Anflug zur Quelle des Begehrens. Und zwischendurch freute ich mich einfach, wenn ein Taubenschwänzchen beim Sommerflieder auftankte. Zu empfehlen auch, sich nicht zu verbissen auf Biene, Hummel und Co im Freiflug zu konzentrieren, die Überraschungen bleiben nicht aus. So durchkreuzten eines Tages Libellen mein Blickfeld bei Bienen und einem mit Mähdesüss bewachsenen Bachbord. Ganz ahnungslos wurde ich da zum Paparazzo. Wie auch immer, Libellen lieben herzhaft, und haben ziemlich borstige Beine.

Übrigens, ich meinte natürlich, dass mir mit dem Bild der sich paarenden Libellen ein besonderes Bild gelungen sei. Doch der Blick ins Internet relativierte, und ein sachkundiger Kollege ergänzte: Die verliebten Libellen haben die Herzform schon vor Millionen von Jahren erfunden. Schön zu wissen.


Blüten und Blätter im Basellandschaftlichen Waldenburgertal

Frühling: rundum ein Werden und Wachsen, ein Treiben und Blühen. Und bereits ist Frühsommer. Im Wald ein intensives Summen im blühenden Faulbaum, beim Liguster und bei den Beeren. Die Wiesen sind grösstenteils gemäht, zum Teil schon zum zweiten Mal, alles scheint da plötzlich ein bisschen kahl und öde.

Gern denke ich an die Frühlingszeit, - eine an- oder umtreibende Jahreszeit. Wenn ich mit der Kamera unterwegs bin, werde ich manchmal fast «taubentänzig»: überall wunderbare Blüten, am Kirschbaum, am Apfelbaum, an all den Sträuchern, und rundum austreibende Blätter in allen Grüntönen. Der Wald verschliesst sich dem Durchblick, - vor lauter Bäumen sehe ich den Wald nicht mehr.

Doch welche Blütenpracht oder welch heranwachsendes Blatt soll in die Kamera? Manchmal sehen dann all die Blüten und Blätter ähnlich aus. Die Bedenken bezüglich eintöniger, langweiliger Bilder melden sich an. Die Stimmung schwankt. Doch die Vielseitigkeit der Natur inspiriert und belebt. Das Licht sorgt für Abwechslung, macht es manchmal spannend, und manchmal unlösbar für den Hobby-Fotografen. Ein bisschen Tau oder Regen, (heuer selten), bringen wundersame Veränderung und Frische. Und wie bringe ich einen Baum in seiner ganzen Mächtigkeit aufs Bild? Wie eine blühende Obstanlage? Und wie ein Blatt oder eine Blüte in seiner Einmaligkeit? Es entsteht Bild um Bild, die engere Auswahl folgt später, aber wem sag ich das. Und hier eine kleine Auswahl der Auswahl aus dem Frühjahr 2020 – nicht allein mit Blick zurück auf Blüten und Blätter eines einmaligen, denkwürdigen Frühlings. Apropos Auswahl diesmal Folgendes: Kirschbaumblüten (inklusive Vorfreude auf Frucht und Baselbieter Kirsch), der farblich eher unauffällige, einhäusige Baumnussblütenstand, zur Abwechslung mal zwei nicht vorwiegend weisse Apfelblüten, zweimal Mehlbeerblätter im Abendlicht, frische Buchenblätter, ein Ahornsprössling und zum Schluss die Strauchkronwicke (Blüte und fast flächendeckend an einem unlängst abgeholzten, sonnigen Hang).
                                                                                                                                              Ruedi Dietiker


Der Supermond vom 7.4.2020